Nebenschilddrüse

Die Nebenschilddrüsen

Die Nebenschilddrüsen (lat.: Glandulae parathyroideae) sind kaum größer als eine Linse – und dennoch lebenswichtig. Denn sie produzieren das sog. Parathormon, das den Kalziumstoffwechsel des Menschen regelt.

Welche Erkrankungen der Nebenschilddrüsen gibt es?

Überfunktion der Nebenschilddrüse

Es gibt verschiedene Erkrankungen der Nebenschilddrüsen. Ein chirurgischer Eingriff wird am häufigsten wegen einer Nebenschilddrüsenüberfunktion (Hyperparathyreoidismus) durchgeführt.
Beim Hyperparathyreoidismus (HPT) ist der Parathormonspiegel und in der Regel auch der Kalziumspiegel im Blut erhöht. In diesem Fall kommt es zu einem vermehrten Abbau von Kalk aus den Knochen und zur unerwünschten Einlagerung von Kalk in anderen Geweben.

Unbehandelt führt die Erkrankung auf Dauer zu:

  • Deformierungen und Brüchen von Knochen
  • schmerzhaften Kalkablagerungen in Muskeln und Gelenken
  • einer vermehrten Bildung von Nieren- und Gallensteinen
  • Magen-Darm-Beschwerden
  • seelischen Veränderungen
  • verminderter körperlicher und seelischer Leistungsfähigkeit

Es werden verschiedene Formen des Hyperparathyreoidismus unterschieden:
Primärer Hyperparathyreoidismus (pHPT):
Beim primären Hyperparathyreoidismus (pHPT) liegt die Ursache der Parathormonüberproduktion ausschließlich in den Nebenschilddrüsen selbst. Es handelt sich entweder um einen hormonproduzierenden (gutartigen) Tumor (Adenom) oder um eine funktionelle Überproduktion (Hyperplasie). Nebenschilddrüsenkrebse sind extrem selten.

Sekundärer Hyperparathyreoidismus (sHPT):

Beim sekundären Hyperparathyreoidismus (sHPT) liegt die Ursache der Parathormonüberproduktion primär in einer Erkrankung anderer Organe begründet. Am häufigsten liegt eine Nierenerkrankung vor. Hierdurch kann es zu einem Verlust an Phosphat und zu einer verminderten Vitamin-D-Produktion kommen. Über verschiedene Mechanismen versucht der Körper, diese Missstände auszugleichen. Unter anderem auch durch eine vermehrte Parathormonproduktion. In der Regel produzieren dann alle Nebenschilddrüsen zu viel Parathormon und vergrößern sich (Hyperplasie).

Tertiärer Hyperparathyreoidismus (tHPT):
Vom tertiären Hyperparathyreoidismus (tHPT) sprechen wir, wenn es beim sekundären Hyperparathyreoidismus zusätzlich zu einem hormonproduzierenden Adenom kommt. Es handelt sich hierbei um eine Kombination von primärer und sekundärer Form.

Unterfunktion der Nebenschilddrüsen

Die mit Abstand häufigste und wichtigste Ursache für eine Nebenschilddrüsenunterfunktion (Hypoparathyreoidismus) ist die Schädigung der Nebenschilddrüsen durch einen operativen Eingriff in dieser Region, z.B. bei einer Schilddrüsenoperation.

Die Unterfunktion wird zunächst durch die medikamentöse Gabe von Calcium- und Vitamin-D-Präparaten behandelt. Besteht noch eine Restproduktion von körpereigenem Parathormon, wird versucht, die Calciumzufuhr schrittweise zu reduzieren, um so das verbliebene Nebenschilddrüsengewebe zu einer vermehrten Parathormonproduktion anzuregen.

Beim dauerhaften (persistierenden) Hypoparathyreoidismus ist in der Regel auch eine dauerhafte Cacium- und/oder Vitamin-Gabe erforderlich. Neuere Behandlungsansätze, wie z.B. die Gabe von künstlichem Parathormon oder die Transplantation von Zellkulturen aus Nebenschilddrüsengewebe, werden zur Zeit wissenschaftlich untersucht. Sie sind wegen vieler ungelöster Probleme und Nachteile derzeit jedoch noch nicht Standard.

Wann müssen Nebenschilddrüsen operiert werden?

Mit Ausnahme milder und asymptomatischer Fälle ist eine dauerhafte und effektive Behandlung des Hyperparathyreoidismus in der Regel nur durch einen operativen Eingriff möglich. Operationen an den Nebenschilddrüsen erfordern wegen der engen anatomischen Lage zu den Stimmbandnerven und der häufigen Lagevarianten extrem viel Erfahrung. Solche Operationen sollten daher nur von Chirurgen durchgeführt werden, die über eine hohe Kompetenz in der Schilddrüsen- und Nebenschilddrüsenchirurgie verfügen.

Wie verläuft eine Operation an den Nebenschilddrüsen?

Je nachdem, wie viele Nebenschilddrüsen erkrankt sind, muss mehr oder weniger Gewebe entfernt werden.

Erkrankung nur einer Nebenschilddrüse

Beim primären Hyperparathyreoidismus ist in über 90 Prozent der Fälle nur eine Drüse erkrankt (solitäres Nebenschilddrüsenadenom). Dann muss auch nur diese krankhafte Drüse entfernt werden (Adenomexstirpation). Die verbleibenden gesunden Drüsen übernehmen nach einer kurzen Erholungsphase die komplette Funktion, so dass keine dauerhaften Nachteile durch die operative Entfernung einer Nebenschilddrüse entstehen.

Erkrankung aller Nebenschilddrüsen

Beim sekundären und tertiären Hyperparathyreoidismus sind in der Regel alle Nebenschilddrüsen erkrankt. Dies trifft auch auf etwa jeden zehnten Patienten zu, bei dem ein primärer Hyperparathyreoidismus diagnostiziert worden ist. Zur definitiven Heilung der Überfunktion müsste im Prinzip alles krankhafte Nebenschilddrüsengewebe entfernt werden. Anders als bei der Schilddrüse und dem Schilddrüsenhormon gibt es jedoch bei der Nebenschilddrüse und dem Parathormon bislang noch keine praktikable Hormonersatztherapie für fehlendes körpereigenes Parathormon.
Eine Entfernung aller Nebenschilddrüsen würde zu einem dauerhaften Mangel an Parathormon (Hypoparathyreoidismus) und einem Abfall der Kalziumkonzentration im Blut führen. In der Folge können Missempfindungen, Kribbelgefühle, Muskelkrämpfe und andere Symptome auftreten. Zur Vermeidung von Mangelzuständen sollte daher bei einer Operation nach Möglichkeit ausreichend funktionstüchtiges Nebenschilddrüsengewebe erhalten werden.

Zur Sicherung einer ausreichenden Parathormonproduktion gibt es zwei Möglichkeiten:

  • Inkomplette bzw. subtotale Parathyreoidektomie:
    Hierbei wird das krankhafte Nebenschilddrüsengewebe weitestgehend entfernt. Nur ein kleiner Teil der noch am gesündesten wirkenden Nebenschilddrüse wird an seiner ursprünglichen Stelle belassen. In der Praxis bedeutet das: Von vier Nebenschilddrüsen werden drei Stück komplett und eine nur halb entfernt. Somit verbleibt nur noch eine halbe Nebenschilddrüse im Körper (sogenannte 3 ½  Parathyreoidektomie).
  • Komplette bzw. totale Parathyreoidektomie mit partieller Auto-Replantation:
    Es werden alle Nebenschilddrüsen am Hals entfernt, jedoch ein Teil einer Nebenschilddrüse an einer anderen Körperstelle wieder eingepflanzt (z.B. am Arm oder Bein). Die kleinen Nebenschilddrüsen haben nämlich eine enorme biologische Potenz. Auch wenn nur wenig Gewebe zurückgelassen oder an anderer Stelle wieder eingepflanzt wird, produziert dieses nach einer Anpassungszeit in der Regel wieder ausreichend Parathormon. Dies kann jedoch einige Wochen bis Monate dauern. Als Reserve kann ein Teil des frisch entnommenen Nebenschilddrüsengewebes auch schockgefroren und für eine mögliche Wiedereinpflanzung zu einem späteren Zeitpunkt aufbewahrt werden (Kryokonservierung)

Die komplette Entfernung hat den erheblichen Vorteil, dass bei einer erneuten Erkrankung der Nebenschilddrüsen nicht wieder im Narbengewebe am Hals und in der Nähe der Stimmbandnerven operiert wurden muss. So wird das Risiko einer Stimmbandschädigung bei einer eventuellen Zweitoperation sicher ausgeschlossen. Ist ein Folgeeingriff trotzdem notwendig, wird versucht, dieses Risiko dadurch zu minimieren, dass bei der Wiedereinpflanzung der Nebenschilddrüse eine oberflächliche und leicht zugängliche Körperstelle gewählt (z.B. Unterarm, Oberschenkel) wird.

Durch diese Vorgehensweise können Folgeoperationen heute als sehr unkompliziert und risikoarm gelten. Die Replantation hat jedoch den prinzipiellen Nachteil, dass es keine Garantie für ein gutes Einwachsen und Funktionieren des verpflanzten Nebenschilddrüsengewebes gibt und es nach der Wiedereinpflanzung eine Zeit lang dauern kann, bis ausreichend Hormon produziert wird.


AUTOR: Prof. Dr. med. Hans Udo Zieren